Diese verdammte Freiheit
Publik-Forum 23/2021

Diese verdammte Freiheit

Wolfgang Thierse über ein falsches Verständnis von Autonomie in der Corona

Liebe Leserin, lieber Leser,
der Advent gilt als eine Zeit freudiger Erwartung. Freudiges Erwarten fällt mir derzeit schwer. Banges Erwarten trifft meine Gemütslage besser: Covid-Patienten müssen auf Intensivstationen anderer Bundesländer verlegt werden, was die Omikron-Variante bringt, ist noch ungewiss, ein neuer Lockdown scheint unvermeidlich. Und ich stelle mir die Frage: Ist es in Ordnung, Freunde zum Abendessen einzuladen, einen Geburtstag im Kreis der größeren Familie zu feiern? Oder sollte ich meine sozialen Kontakte noch stärker einschränken? Komme ich meinem Bedürfnis nach Begegnung nach oder verzichte ich, weil ich das größere Ganze im Blick habe und es dem Virus erschwere, sich weiter auszubreiten? Was für ein Advent! Wie ein Seufzer klingt auch der Hefttitel »Diese verdammte Freiheit«. In seinem Debattenbeitrag setzt sich Wolfgang Thierse, Mitherausgeber von Publik-Forum, mit dem Streit um eine allgemeine Impfpflicht auseinander. Er kritisiert ein individualisiertes Freiheitsverständnis, das die Verantwortung des Einzelnen für das Gemeinwohl ignoriert. Oder, wie Thierse es drastisch ausdrückt: ein verkommenes Freiheitsverständnis (Seite 12).

Vom Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft und vom Umgang mit Dissens handelt auch der Artikel meines Kollegen Christoph Fleischmann »Wenn Pfarrersleute gottlos glauben«. In Bern und in Göttingen hat er eine Pfarrerin und einen Pfarrer getroffen, die nicht mehr an einen personalen Gott glauben – und dies offen sagen innerhalb der Kirche, im Gottesdienst, in der Gemeinde. Überraschend für mich ist, dass ihnen überhaupt nicht an Streit um die rechte theologische Lehre gelegen ist. Wichtig ist ihnen vielmehr die seelsorgerliche Hinwendung zu Menschen in Trauer und mit Traumata. Darin haben sie ihre Berufung gefunden. Beeindruckt hat Christoph Fleischmann, wie sehr die Pfarrerin und der Pfarrer um Ehrlichkeit bemüht sind. Wie wichtig es ihnen ist, sich und anderen nichts vorzumachen (Seite 30).

Ich nehme daraus mit: Machen wir uns einander nichts vor, aber muten wir uns einander zu. In diesem Sinne – einen frohen Advent!
Barbara Tambour

Verlag: Publik-Forum; 64 Seiten
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