Vergeben und vergessen
Publik-Forum 20/2021

Vergeben und vergessen

Was billige Gnade von echtem Verzeihen unterscheidet

Liebe Leserin, lieber Leser,

als kleiner Junge – ich mag vier Jahre alt gewesen sein – saß ich einmal in meinem Zimmer und sang ein selbst ausgedachtes Lied. Es hieß »Christina ist so dick« und handelte von einer etwas korpulenteren Freundin meiner Mutter, die gerade zu Besuch war. Und die genau in dem Moment in der Tür stand, als ich mich umdrehte. Wortlos ging sie weg. Ich weiß noch, wie ich vor Scham anfing zu weinen. Als ich später meinen Eltern davon erzählte, sagten sie mir, ich könne Christina doch anrufen und um Verzeihung bitten. Als ich mich nach einiger Zeit dazu durchgerungen hatte und sie am Hörer war, verzieh sie mir lachend. Ich fühlte, wie sich in mir ein Knoten löste. Natürlich habe ich danach viel schlimmere Dinge getan, und sie wurden auch mir angetan. Nur habe ich damals wohl schon instinktiv ein bisschen begriffen, wie wichtig es ist, verzeihen zu können. Alle Menschen machen Fehler, und wenn wir uns diese gegenseitig immer weiter vorwerfen, kommen wir als Gesellschaft nicht voran.

Nicht ohne Grund kommt dem Verzeihen eine zentrale Bedeutung in der Religion zu. »Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern« beten Christen in der Kirche. Doch das ist schwer, wenn die Wunden tief gehen. Und je tiefer sie gehen und je länger sie zugefügt wurden, umso schwerer wird es. Die zahlreichen Konflikte in der Welt erzählen davon. Mein Kollege Christoph Fleischmann hat sich auf eine persönliche Spurensuche begeben, um herauszufinden, wie ein wirkliches Vergeben möglich wird (ab Seite 26). Eine Erkenntnis von ihm: Beten allein reicht nicht.

Verständlicherweise wenig versöhnt fühlen sich viele Rentnerinnen und Rentner, die ihr ganzes Leben gearbeitet haben und nun so arm sind, dass sie Pfandflaschen aufsammeln müssen. Das liegt auch daran, dass die Politik immer wieder sagt, eine gute Alterssicherung für alle sei aufgrund der Demografie nicht möglich. Stimmt das überhaupt? Barbara Tambour hat einmal nachgerechnet (Seite 12).

Herbstzeit ist Bücherzeit. Wir erzählen unseren Kindern Märchen oder lesen sie vor, obwohl darin gemordet und gemeuchelt wird. Tun wir ihnen damit etwas Unverzeihliches an? Anne Lemhöfer hat sich umgehört (Seite 44).

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre! Constantin Wißmann

Verlag: Publik-Forum; 64 Seiten
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