Neue Heimaten
Publik-Forum 10/2022

Neue Heimaten

Wie die Gläubigen ihre Kirche wieder in Besitz nehmen können

Liebe Leserinnen und Leser,

am vergangenen Wochenende war ich zu einer Erstkommunion eingeladen. In der Messe sprach der Priester den Kindern ein – gegenüber den klassischen Texten vereinfachtes – Glaubensbekenntnis vor, auf das diese dreimal feierlich »Ich glaube« antworteten. Der Priester freute sich danach über den »lebendigen Glauben« der Kinder. Mich hat das irritiert: Erstens fand ich es extrem übergriffig, den Acht- bis Zehnjährigen ein Bekenntnis abzuverlangen, das sie nicht überblicken können. Und zweitens finde ich es merkwürdig, Glauben immer noch als Zustimmung zu einem Bekenntnistext zu inszenieren, als käme es darauf an, einen objektiven Sachverhalt klarzustellen. »Was aber glauben wir wirklich, sodass wir mit unserem Leben daran hängen?«, fragte Bonhoeffer einst. So befragt fällt vielen Menschen wohl anderes ein als Sätze aus den Glaubensbekenntnissen der Kirchen.

Ein Kontrast dazu war mein Besuch in einer unabhängigen katholischen Gemeinde in Nijmegen in den Niederlanden, von der ich in diesem Heft berichte (Seite 34). Ich passte auf, was die anders machen als in der offiziellen römisch-katholischen Liturgie. Ein Unterschied fiel mir aber erst auf der Fahrt nach Hause auf: Es fehlte ein Glaubensbekenntnis. Augenscheinlich hatte ich es nicht vermisst. Den Pastor fragte ich per E-Mail, ob ich das Glaubensbekenntnis vielleicht verpasst hätte – immerhin war der Gottesdienst auf Niederländisch. Seine Antwort: »Wir machen das nur an Festtagen wie Weihnachten oder Ostern.« Es gibt wohl Wichtigeres und Besseres als Bekenntnistexte, um den Glauben heutiger Christinnen und Christen in einer Feier darzustellen.

Auch der tschechische Religionsphilosoph Tomáš Halík, den mein Kollege Michael Schrom interviewt hat (Seite 30), glaubt, dass das Christentum nur eine Chance hat, wenn es nicht als »identitätspolitische Ideologie« genutzt wird, sondern sich als eine Weggemeinschaft von Menschen begreift, die offen für Unterschiede gemeinsam nach Weisheit suchen. Im günstigsten Fall ist der Katholikentag in Stuttgart solch eine zeitlich befristete Weggemeinschaft. Publik-Forum ist jedenfalls dabei – auf der Medienmeile in der Königstraße und auf der Kirchenmeile am Berliner Platz.

Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen
Christoph Fleischmann

Verlag: Publik-Forum; 64 Seiten
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