Das Schweigen der Männer
Publik-Forum 10/2026

Das Schweigen der Männer

Gewalt gegen Frauen geht alle an

Liebe Leserin, lieber Leser, es gibt Zeiten, in denen eine Gesellschaft beginnt, anders über sich selbst zu sprechen. Nicht, weil plötzlich alles klar wäre. Sondern weil sich das Gefühl einstellt, dass die Verdrängung nicht mehr trägt.

Wollen wir wirklich in einer Gesellschaft leben, in der jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexualisierte Gewalt erlebt? Diese Frage stellt die Juristin Beate Rudolf in unserem Titelgespräch. Die Debatte der vergangenen Wochen zeigt, wie schwer wir uns damit tun, Gewalt gegen Frauen als das zu begreifen, was sie ist: kein Randthema, kein Problem einzelner »Monster«, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse.

Der Psychologe Gerhard Hafner schreibt in seinem Essay über das »Schweigen der Männer« und adressiert damit nicht die Täter, sondern das Wegsehen der breiten Masse. Das bequeme Gefühl, all das gehe einen selbst nichts an. Gewalt beginne nicht erst mit dem Schlag, sondern dort, wo Männer Anspruch auf Kontrolle, Überlegenheit und Verfügbarkeit erheben – und andere Männer dazu schweigen.

Auffällig ist dabei, wie oft unsere Gesellschaft Probleme auslagert. Gewalt gegen Frauen wird gern »den anderen« zugeschrieben. Populisten leben davon, Ängste zu verstärken und Verantwortung weiterzureichen. Auch Kirchen stehen in der Versuchung, über gesellschaftliche Missstände zu sprechen, ohne die eigenen blinden Flecken ernst genug in den Blick zu nehmen. Der Katholikentag in Würzburg zeigte beides zugleich: die Sehnsucht nach Zusammenhalt und die offenen Konflikte einer Kirche, die um ihre Rolle ringt.

Auch Klimaaktivistin Luisa Neubauer spricht im Interview mit meiner Kollegin Daniela Ordowski über gesellschaftliche Verantwortung. Sie erinnert daran, dass politische Veränderung auch aus der Erfahrung entsteht, gemeinsam handeln zu können – und warnt vor einer Stimmung, die sich im Dauerzustand von Empörung, Angst und Zynismus eingerichtet hat. »Ich weigere mich, bei dieser emotionalen Verzwergung mitzumachen«, sagt sie – ein Satz, der weit über die Klimadebatte hinausweist.

Ich wünsche Ihnen eine den Horizont erweiternde Lektüre!

Nana Gerritzen

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