Wir haben alle verloren
Publik-Forum 19/2026

Wir haben alle verloren

Liebe Leserin, lieber Leser,

Berlin ist ein anderes Land als das, von dem es die Hauptstadt ist. Das ist keine neue Erkenntnis, in den vergangenen Wochen wurde sie aber noch einmal besonders deutlich. Bei den Landtagswahlen erzielte die rechtsextreme AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern Rekordergebnisse, in Berlin aber triumphierte die Linkspartei. Die Debatten danach ähneln sich. Darf man mit diesen Parteien zusammenarbeiten, um eine Regierung zu stellen? In beiden Fällen wird oft an die dunkle deutsche Vergangenheit erinnert. In Berlin entzündet sich die Frage vor allem daran, ob und wie weit Kritik an der israelischen Regierung in Antisemitismus umgeschlagen ist. Meine Kollegin Nana Gerritzen und ich leben beide in Berlin. Also haben wir einen Juden gefragt, der das auch tut. Der Schriftsteller und Essayist Max Czollek erläutert, warum er sich über den Sieg der Linkspartei freut, anstatt ihn zu fürchten.

Als Vater gibt es für mich kaum schönere Momente als die, wenn ich meiner Tochter abends vorlese. Inzwischen kann sie selbst lesen, und unser Ritual sieht jetzt so aus: Erst liest sie ein Kapitel vor, dann ich. Manchmal denke ich an all die vielen Bücher, die in ihrem Leben noch auf sie warten, und bin dann ein bisschen neidisch, dass sie so viele Leseschätze zum ersten Mal öffnen kann. Obwohl, vielleicht sollte ich mich mit meinen Tipps ein wenig zurückhalten. Denn »ohne Eltern etwas zu erleben oder durchzustehen ist wichtig«, sagt die Kinderbuchverlegerin Monika Osberghaus. Deswegen seien Waisenkinder auch oft die Hauptfiguren in Kinderbüchern. Es ist also vielleicht kein Zufall, dass mir meine Tochter neulich von sich aus erzählt hat, dass sie jetzt bald »Tom Sawyer« lesen will. Eine bessere Empfehlung hätte ich auch nicht.

Kein Held meiner Kindheit, aber meines frühen Erwachsenseins war Bob Dylan, auch wenn er da seine größte Zeit schon lange hinter sich hatte. Es dauerte ein bisschen, bis ich auf die vielen religiösen Anspielungen in Dylans Spätwerk aufmerksam wurde. Doch ist er gar zu einem Evangelikalen geworden? Gerold Hofmann ist für uns den vielen Spuren nachgegangen, die darauf schließen lassen. Helden aus dem echten Leben sind eben Menschen, mit allen Fehlern und Widersprüchen.

Eine spannende Lektüre wünscht

Constantin Wißmann

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